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Sophie und der alte Mann

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Sophie und der alte Mann ist eine Erzählung, die 1792 von der venezolanischen Autorin Penelope Lopez geschrieben und in der Sammlung "Geschichten für den Abend" veröffentlicht wurde.

Inhalt Bearbeiten

Er blickte aus dem Fenster und betrachtete die tief verschneite Landschaft. Er glaubte ein Reh erkennen zu können, dass am Waldrand nach Futter suchte. Der Wind wirbelte etwas Schnee auf. Die Tür öffnete sich mit einem Quietschen und die Krankenschwester trat ein. Sie sagte: „Herr Bruckner, Sie haben Besuch. Soll ich ihn herein bitten?“ „Ja, ich wäre Ihnen dankbar und schalten-“ „Das Grammophon, Herr Bruckner?“ „Genau, danke,“ erklärte er und blickte weiter aus dem Fenster. Die Landschaft vor dem Schloss beruhigte und besänftigte ihn. Er nahm war, wie etwas aus dem Kasten geholt wurde. Kurze Zeit späte erfüllte Musik den Raum. Herr Bruckner wandte sich vom Fenster ab. Er konnte noch sehen, wie die Krankenschwester das Zimmer verließ, dann war er wieder allein. Er lauschte der Musik. Vom Gang waren Schritte und Stimmen zu hören. Herr Bruckner nahm seinen rechten Arm von der Lehne seines Rollstuhls und begab sich in die Zimmermitte. Nur langsam bewegte sich der Rollstuhl vorwärts. Die Reifen quietschten. Er hielt kurz inne, als die Tür geöffnet wurde. Eine junge Frau mit blondem Haar stand schüchtern im Türrahmen und lauschte noch den Worten der Krankenschwester. Dann schloss sie zögerlich die Tür und blieb in der Nähe des Ausganges stehen. Ihr Gesicht wirkte angespannt. Herr Bruckner sagte: „Kommen Sie näher, meine Liebe. Wenn Sie schon hier sind, können Sie sich auch nützlich machen.“ Die junge Frau kam zögerlich näher, reichte ihm die Hand und erklärte: „Ich heiße Sophie Nivel und bin hier, um Ihnen etwas Gesellschaft zu leisten. Ich habe Ihnen auch etwas mitgebracht.“ Er ignorierte ihre ausgestreckte Hand.

Sie lächelte verlegen und holte eine kleine Kerze mit Weihnachtsmotiven. „Bleiben Sie mir fern mit diesem Blödsinn,“ sagte Herr Bruckner verdrießlich. Sophie trat unwillkürlich einen Schritt zurück, erklärte aber trotzig: „Es ist Weihnachten. Ein Fest-“ „Humbug, alles Humbug,“ erwiderte er ungehalten und schlug mit seiner Hand gegen die Lehne seines Rollstuhls. Sophie legte die Kerze zurück in ihre Handtasche und holte stattdessen ein Buch hervor. Sie sagte: „Wenn Sie wollen, kann ich Ihnen etwas vorlesen.“ „Meine Beine mögen zwar nicht funktionieren, doch meine Augen tun Ihren Dienst,“ erwiderte er und rollte zum Tisch. Sophie machte keine Anstalten ihm zu helfen, fragte aber etwas verunsichert: „Wenn Sie nicht wollen, dass ich Ihnen etwas vorlese, oder schenke, warum haben Sie mich dann in Ihr Zimmer gebeten.“ Er schwieg einige Augenblicke, dann erwiderte Herr Bruckner: „Sophie, nehmen Sie Platz. Kann ich Ihnen etwas anbieten? Eine Tasse Tee oder etwas Kaffee?“ Sie zögerte einen Moment, dann nahm sie Platz und antwortete schüchtern: „Eine Tasse Earl Grey bitte.“

„Schwester,“ rief Herr Bruckner. Die Krankenschwester betrat das Zimmer und fragte: „Was wünschen Sie.“ „Für mich eine Tasse Kaffee und die junge Dame will einen Earl Grey.“ Die Krankenschwester nickte und verließ den Raum. Schweigen senkte sich über den Raum. Nach einigen Minuten fragte Sophie: „Warum haben Sie mich eingeladen, wenn ich Ihnen nichts schenken oder vorlesen soll. Ich habe den Eindruck, dass Ihnen meine Anwesenheit unangenehm ist.“ „Nein, ist sie nicht. Ich bin oft allein und auch die Einsamkeit hat ihre schönen Seiten, man kann ungestört lesen oder denken, doch man kann seine Erkenntnisse nicht teilen. Ich habe Sie hereingebeten, weil ich reden möchte. Lesen kann ich selbst, doch mir selbst zuhören, langweilt mich zu tiefst.“ Er lachte leise und Frau Nivel lächelte schüchtern. Die Krankenschwester brachte zwei Tassen, eine Kanne Kaffee, heißes Wasser, einige Teebeute, sowie Milch und Zucker, dann verließ sie wieder den Raum. Sophie füllte ihre Tasse mit heißem Wasser, als sie fragte: „Worüber möchten Sie reden?“ „Warum sind Sie hier?“ Sie blickte ihn irritiert und antwortete: „Weil ich Ihnen Gesellschaft leisten möchte, das habe ich Ihnen schon gesagt.“

„Darüber bin ich mir durchaus im Klaren, doch heute ist Weihnachten und sie sitzen am Tisch eines alten, einsamen Mannes. Sie sollten mit Ihrer Familie feiern, trotzdem sind Sie heute hier. Hatten Sie nichts besseres zu tun? Sind Sie aus Mitleid hier? Müssen Sie vielleicht Busse tun? Seinen Sie ehrlich, wenn Sie mich anlügen, bemerke ich es und werde ungehalten. Ich mag zwar im Rollstuhl sitzen, aber ich bin kein Idiot.“ Sophie blickte ihn irritiert an und antwortete nach einigem Zögern: „Ich hatte nichts besseres zu tun.“ „Das ist wahrlich erstaunlich. Eine Frau von ihrer Schönheit, die so elegant gekleidet ist, sogar mit Hut, ist alleinstehend.“ „Aber es stimmt. Vielleicht habe ich einen komplizierten Charakter.“ „Und was ist mit Ihrer Familie. Sie müssen sie ja hassen, wenn Sie so weit reisen, nur um einen alten Mann zu besuchen, wer weiß, vielleicht ich habe ich auch nur meinen Ruf unterschätzt.“ „Woher wissen-“ „Sie sprechen mit einem leichten Akzent. Ich war früher Kontrabassspieler. Bei diesem Beruf entwickelt man ein feines Gehör. Vielleicht hassen Ihre Familie nicht, sondern haben sie verloren. Die Schleife ihres Huts ist schwarz und das obwohl sie einen roten Mantel tragen. Vielleicht ist es Ihnen entgangen, doch ich glaube vielmehr, dass jemand in Ihrer Familie verstorben ist, vielleicht ihr Vater und dass sie deshalb hier sind. Bei Ihrem Vater haben Sie versagt und nun möchten Sie es wieder gut machen, aber weshalb zu Weihnachten?“ „Sie machen es sich zu einfach. Sie haben Recht. Mein Vater ist tot. Er starb vor drei Wochen, doch ich bin nicht hier, weil er tot ist. Ich bin hier um Ihnen einen Freude zu machen. Altruismus braucht kein egoistisches Motiv.“ „Wenn Sie wirklich helfen wollen, sind Sie hier falsch. Ich bin ein alter Mann, der es sich leisten kann in einem riesigen Zimmer auf den Tod zu warten. Ich sitze zwar im Rollstuhl, doch bin ich bei klarem Verstand und vermögend. Sie sollten denen helfen, die Hilfe brauchen.“ „Hilfe brauchen die, die unglücklich sind und Sie wirken nicht wirklich fröhlich.“

„Sie sind auch nicht fröhlich. Es ist erbärmlich am Weihnachtstag einsam und alleine in seinem Rollstuhl zu sitzen, doch es ist noch erbärmlicher so jemanden zu besuchen. Ich bin nicht glücklich und sie auch nicht. Sie sind auf der Suche.“ „Woher wollen Sie wissen, ob ich glücklich bin. Sie sind nur ein alter, verbitterter Misanthrop.“ „Wenn Sie so überzeugt sind, sagen Sie mir ins Gesicht, dass Sie glücklich sind,“ verlangte Herr Brückner und nippte an seiner Kaffeetasse. Sophie stand auf, ging zum Fenster und erklärte: „Ich bin nicht unglücklich, aber auch nicht glücklich, doch ich habe noch viele Tage vor mir. Sie hingegen sind schon alt. Welche Begründung haben Sie für Ihre Unzufriedenheit?“ „Mitleid, Sophie. Das Mitleid der Menschen macht mich unglücklich. Ich sitze seit drei Jahren im Rollstuhl und seitdem behandeln mich die Menschen anders. Sie bemitleiden mich. Sie sehen mich an, sprechen ihr Mitgefühl aus und zeigen mir damit, dass sie mein Leben als nicht so lebenswert wie ihres empfinden. Die größten Dorftrottel bemitleiden mich, den, der Jahrzehnte lang durch die Welt reiste und Dinge sah und erlebte, die die Vorstellungskraft dieser einfältigen Idioten überfordert, doch seit ich ihm Rollstuhl sitze, werde ich bemitleidet und man blickt auf mich herab. Mitleid gibt einem das Gefühl ein minderwertiger Mensch zu sein. Ich hatte mit vielen Menschen Kontakt. Einige von ihnen hatten ein schweres Los zu tragen, doch niemanden habe ich bemitleidet. Ich habe sie vielmehr bewundert, dass sie trotz ihrer Probleme es schafften ihr Leben zu meistern.“ „Glauben Sie, dass man Sie beneiden kann?“

„Ich will nicht, dass mich die Leute beneiden. Ich will auch nicht, dass sie mich bemitleiden. Ich will, dass sie mich akzeptieren. Vor allem zu Weihnachten haben Heuchler Hochkonjunktur. Jedes Jahr klopfen sie an meine Tür, sitzen da und glauben, dass sie mir einen Gefallen tun. Ich bin es Leid.“ „Bezeichnen Sie mich als Heuchlerin?“ „Nein, das tue ich nicht. Ich weiß nicht, weshalb Sie hier sind, doch Sie sind sicherlich nicht hier, um damit prahlen zu können. Setzen Sie sich bitte wieder hin, Sophie,“ bat Herr Bruckner. Sie wandte sich ein letztes Mal dem Fenster zu, danach ging sie zurück zum Tisch und setzte sich. Sie entfernte den Teebeutel und goss etwas Milch in die Tasse. Die beiden schwiegen einige Minuten, dann betrat die Krankenschwester das Zimmer und sagte: „Herr Brückner, es ist wieder Zeit.“ Er nippte an seiner Kaffeetasse, dann erklärte er Sophie: „Meine Liebe, ich bin untröstlich, aber unsere Zeit ist abgelaufen. Es war mir eine Freude Sie kennen zu lernen. Leben Sie wohl.“ „Ich werde wieder kommen.“ „Nein, werden Sie nicht. Sie werden von hier fortgehen und weiter suchen,“ erwiderte Herr Bruckner, dann wurde er von der Krankenschwester zur Tür geschoben. Schritte waren vom Gang zu hören. Sophie Nivel stand auf und fragte die Krankenschwester: „Was machen Sie jetzt?“ „Herr Bruckner wird gewaschen,“ antwortete diese.

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